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„Feuerwehr der Jugendhilfe“

04.09.2026 Bindestrich Redaktion

Kategorie: Jugendhilfe

Schlagwort: Systemsprenger

Der Dortmunder Weg

Die Stadt Dortmund erprobt ein neues Konzept für den Umgang mit Kindern und Jugendlichen, die das Hilfesystem an seine Grenzen bringen. Martin Caspary, der Leiter der Koordinierungsstelle „KoSyDo“, erklärt das Modell.

Herr Caspary, Dortmund ist eine der wenigen Städte mit einer Koordinierungsstelle für sogenannte Systemsprenger. Warum braucht es so eine Einrichtung?

Viele Kommunen sind bei diesem bundesweiten Phänomen zunehmend überfordert. Das Jugendhilfesystem hat auf die störend wahrgenommenen Verhaltensweisen junger Menschen immer wieder keine Antwort, es entsteht eine Eskalationsspirale innerhalb der Fallverläufe. In manchen Fällen wird das System sogar handlungsunfähig. Durch Versorgungslücken und in der akuten Not des Systems entstehen zum Teil Maßnahmen, die häufig jedoch nicht passen. Jugendliche, die als schwierig gelten, werden nur unzureichend betreut oder scheinen nicht erreichbar. Zumeist fehlt für das Hilfesystem auch die Zeit, in ein nachhaltiges Fallverstehen zu kommen, da zunächst die Krisenbewältigung im Vordergrund steht.

Was kann die Koordinierungsstelle tun?

Wir beraten und begleiten Prozesse. Zuständig sind wir zunächst für den Allgemeinen Sozialen Dienst des Jugendamts. Wir unterstützen die Kolleginnen und Kollegen bei eskalierten und hochkomplexen Fällen. Darüber hinaus bieten wir langfristig die sogenannte „Team-auf-Zeit“-Arbeit an. Dabei bringen wir alle wichtigen Beteiligten zusammen: Fachkräfte, aber auch Menschen aus dem familiären oder sozialen Umfeld. Gemeinsam schauen wir auf einen Fall und versuchen zu verstehen, warum ein junger Mensch sich herausfordernd verhält. Ziel ist es, die Eskalationsspirale zu unterbrechen. Für uns ist es ein Erfolg, wenn gemeinsam verstanden wird, welche guten Gründe hinter einem bestimmten Verhalten stehen.

Was meinen Sie mit „guten Gründen“?

Jedes Verhalten hat einen Grund – auch wenn es für andere bzw. von außen störend oder schwer verständlich wirkt. Die Ursachen und das Sinnhafte für den jungen Menschen in diesem Verhalten müssen wir verstehen, um pädagogisch mit ihnen arbeiten zu können. Verhaltensweisen sind häufig erlernte Überlebensstrategien, das gilt auch bei massiven eigen- und fremdgefährdenden oder destruktiven und risikohaften Handlungen. Wir müssen versuchen zu verstehen, wie es dazu gekommen ist bzw. wozu das Verhalten dient. Erst danach können passende Hilfen und Maßnahmen entwickelt werden, die am jungen Menschen orientiert sind und ihn aushalten. Dafür braucht es Netzwerke und Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Bereichen: Jugendhilfe, Psychiatrie, Förderschulen oder Polizei. So versuchen wir beispielsweise in den „Team-auf-Zeit“-Sitzungen in einer Verantwortungs- und Risikopartnerschaft Entscheidungen zu treffen. Wir glauben grundlegend, dass es Strukturen braucht wie Trägerverbünde, Fallberatungsgremien oder Fachstellen wie unsere Koordinierungsstelle. Doch die wichtigste Säule ist die Beteiligung der jungen Menschen: Sie müssen wir ins Boot kriegen.

Wie kann das gelingen?

Vor allem braucht es mehr Zeit. Fachkräfte müssen die Möglichkeit haben, sich intensiv mit jungen Menschen auseinanderzusetzen. Im Jugendamt bedeutet das: gute Vorbereitung, Gespräche mit den Jugendlichen und tragfähige Hilfepläne, Fallverstehen, Beteiligung und gute Steuerung. Dafür brauchen die Kolleginnen und Kollegen mehr Ressourcen. Außerdem muss das System individueller werden. Wir brauchen Orte, die sich den jungen Menschen anpassen – nicht umgekehrt.

Wie kam es zur Gründung der Koordinierungsstelle?

Das Modell haben wir nicht selbst erfunden: 2014 gab es in Hamburg eine ähnliche Einrichtung und 2018 entstand in Berlin eine Koordinierungsstelle für die dortigen Bezirksjugendämter. In Dortmund wurde festgestellt, dass schwierige Fälle zunehmen und Hilfen immer teurer werden. Deshalb entwickelte eine Arbeitsgruppe ab 2018 ein Konzept. Daran beteiligt waren unter anderem das Gesundheitsamt, der LWL, die Kinder- und Jugendpsychiatrie, freie Träger und externe Fachleute. 2023 beschloss der Rat ein dreijähriges Projekt. Das ist eine große Investition für eine Kommune. Aus meiner Sicht darf eine solche Stelle aber kein Luxus sein. Sie ist ein wichtiger Baustein, um bessere Antworten auf komplexe Hilfen zu finden. Die bisherigen Ergebnisse zeigen: Die Arbeit wirkt und der Bedarf ist eindeutig da.

Was ist das Besondere an der KoSyDo?

In Dortmund arbeiten freie und öffentliche Jugendhilfe gemeinsam in einer Koordinierungsstelle. Der Verband Sozialtherapeutischer Einrichtungen, die Katholische Jugendhilfe Dortmund und das Jugendamt sind beteiligt. Was neu ist: Wir haben ein eigenes Kriseninterventionsteam. Dieses Team hilft jungen Menschen direkt in akuten Situationen. Dadurch gewinnt das Hilfesystem Zeit, um die Situation zu bewerten und wieder handlungsfähig zu werden. Ein weiterer wichtiger Bereich ist die Arbeit an den Strukturen selbst. Dafür gibt es fallunabhängig eine Facharbeitsgruppe mit allen wichtigen Institutionen: Gesundheitsamt, Psychiatrie, Polizei, Förderschulen sowie freie und öffentliche Jugendhilfe in einer gemeinsamen Verantwortungs- und Risikogemeinschaft.

Wie arbeitet das Kriseninterventionsteam konkret?

Wir nennen es gerne die Feuerwehr der Jugendhilfe. Die Feuerwehr arbeitet auch dann, wenn es gerade nicht brennt. Und wenn es brennt, ist sie sofort da. Vor dem Projekt gab es immer wieder Situationen, in denen Jugendliche in keiner Einrichtung mehr bleiben konnten. Viele Träger hatten Ideen, aber nicht genug Personal, um diese umzusetzen. Deshalb entstand der Gedanke eines dauerhaft finanzierten Krisenteams. Es besteht aus sechs Sozialarbeiter:innen sowie einer Teamleitung. Dadurch kann für einen bestimmten Zeitraum rund um die Uhr sieben Tage die Woche Betreuung angeboten werden. Das Team unterstützt Wohngruppen, begleitet Inobhutnahmen oder arbeitet aufsuchend mit Jugendlichen auf der Straße. Die Einsätze dauern meist acht bis zwölf Wochen, manchmal auch länger. Außerdem gibt es eine Anlaufstelle für junge Menschen. Allerdings reicht das Personal nicht für alle Fälle aus. Wir können ungefähr ein Viertel der laufenden Krisenfälle betreuen.

Hat Dortmund mehr solcher Fälle als andere Städte?

Nein, das glaube ich nicht. Allerdings gibt es keine genauen Zahlen. In Fachkreisen wird geschätzt, dass ca. zehn Prozent der stationär untergebrachten Kinder und Jugendlichen zu diesen besonders komplexen Fällen gehören Bei ca. 63.000 stationären Hilfen in Deutschland wären das 6000 Fälle. Dazu kommen aber noch junge Menschen, die gar nicht mehr in stationären Hilfen sind, sondern auf der Straße leben oder ambulant betreut werden. In Dortmund liegen wir bei knapp 700 stationären Hilfen und haben bisher etwa 50 Anfragen an die Koordinierungsstelle.

Interessieren sich andere Kommunen für das Dortmunder Modell?

Ja, Städte aus dem gesamten Bundesgebiet fragen bei uns an. Wir sind im Bundesnetzwerk für Systemsprenger aktiv, das vor knapp zehn Jahren von Hamburg initiiert wurde. Der Austausch mit anderen Städten ist wichtig. Man kann voneinander lernen und sehen, welche Ansätze funktionieren – und welche nicht. In NRW kenne ich mit Ausnahme von Essen keine weitere Koordinierungsstelle.

Wie kann verhindert werden, dass immer mehr Jugendliche komplexe Hilfen benötigen?

Wir müssen die Resilienz des Systems stärken, Abbrüche bei Hilfen vermeiden und, wenn es Übergänge gibt, diese gemeinsam mit dem jungen Menschen gestalten. Auch die Fachkräfte, die im Alltag mit den Kindern arbeiten, brauchen Unterstützung, um ihren Job langfristig machen zu können. In der sozialen Arbeit ist es derzeit so, dass Fachkräfte bei hoher Belastung schneller eine andere Stelle suchen, was aus Gründen der Eigenfürsorge nachvollziehbar ist. Das führt in der Folge auch zu vermehrten Wechseln von Bezugspersonen in Wohngruppen und zu Unterbesetzung. Die Folge: Jugendliche reagieren mit Unsicherheit oder Eskalation, weil ständig neue Erwachsene da sind.

Gibt es Projekte, die gut funktionieren?

Die Wohngruppe „Port Nord“ in Bremen zeigt zum Beispiel, wie es gehen kann: Dort gibt es sehr viele Mitarbeitende, unterschiedliche Berufsgruppen und vor allem einen bedingungslosen Ansatz. Das bedeutet: Selbst wenn ein junger Mensch auf der Straße ist, bleiben die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in Kontakt und bringen ihm Essen vorbei. Die Jugendlichen entscheiden selbst, wie viel Hilfe sie annehmen möchten. Viele dieser jungen Menschen haben ihr Leben lang erlebt, dass andere über sie bestimmen. Sie müssen erkennen, dass sie selbst etwas bewirken können.

Interview: Annette Kiehl, Martin Zehren

Martin Caspary leitet die „Koordinierungsstelle für sog. Systemsprenger*innen Dortmund“ (KoSyDo). Das Konzept hat das städtische Jugendamt in Dortmund gemeinsam mit verschiedenen Partnern entwickelt, um jungen Menschen Hilfe zu bieten, die von Familie, Schule und Gesellschaft nicht mehr erreicht werden können.