Warum der Experte multiprofessionelle Teams empfiehlt
Der Düsseldorfer Pädagogikprofessor Menno Baumann forscht seit mehr als 20 Jahren über herausfordernde Jugendliche, für die das Hilfesystem keine passenden Angebote findet. Wir haben den Experten gefragt: Wie könnte es besser laufen?
Sie verwenden in Ihrer wissenschaftlichen Arbeit den Begriff „Systemsprenger“. Was bedeutet er?
Im Grunde genommen ist der Begriff falsch. Ich benutze ihn als Brückenbegriff, weil er in der Praxis etabliert ist. Und ich bin der Meinung, dass die Wissenschaft die Sprache sprechen muss, die auch in der Praxis gesprochen wird. Aber vollkommen klar ist: Das Problem liegt selten am Kind. „Systemsprenger“ ist keine Eigenschaft einer Person, sondern bezeichnet ein Prozessgeschehen: Wenn die Logik des Hilfesystems aus Jugendhilfe, Psychiatrie und Schule nicht mit der Eigenlogik des jungen Menschen zusammenpasst und wenn Hilfe einem Kind einfach nicht hilft, dann haben wir einen Prozess zwischen „Systemsprenger“ und „vom System Gesprengten“.
Über welche Jugendlichen sprechen wir dabei?
Über Kinder und Jugendliche, die immer irgendetwas mitbringen: Gewalt, Drogenkonsum, ständiges Weglaufen, absolute Schulverweigerung. Manchmal aber auch neurologische Schädigungen schon vor der Geburt wie das Fetale Alkoholsyndrom. Manche wurden vernachlässigt, haben Missbrauchs- und Gewalterfahrungen, oft generationsübergreifend. Und dann stoßen sie auf Hilfesysteme, die immer weniger Lösungen finden. Es gibt Jugendämter, die so wenig Inobhutnahme-Kapazitäten haben, dass sie Kinder zu Hause bleiben lassen, nur weil man für sie keine Unterbringungsmöglichkeit findet.
Ich war kürzlich bei einem neunjährigen Mädchen, das rund um die Uhr durch zwei Security-Kräfte betreut wird. Da frage ich mich ernsthaft: Was passiert da? Dieses Mädchen hat seit sechs Monaten niemanden mehr angegriffen – da ist nichts in seinem Verhalten, was diese Unterbringung zwingend nötig macht. Oder: Vor zwei Jahren habe ich eine Jugendliche kennengelernt, die auf dem Flur des Rathauses einige Tage übernachtete, weil man keine Unterbringung gefunden hatte. Ein sexuell missbrauchtes Mädchen in einem riesigen Rathausgebäude. Tagsüber kümmerten sich Sozialarbeiter eines freien Trägers und des Jugendamts um sie – nachts war sie mit dem Sicherheitspersonal des Rathauses allein.
Wie viele solcher herausfordernden Fälle gibt es – und nehmen sie zu?
Wie viele Fälle es gibt, ist schwer zu sagen. Bei etwa fünf bis acht Prozent der Kinder in der stationären Jugendhilfe sehen wir solche Dynamiken. Ich glaube, dass sich das Phänomen verschiebt: Als ich vor 20 Jahren zu forschen anfing, bin ich Kindern begegnet, die in einem Jahr durch zwölf Einrichtungen gegangen sind. Wenn jemand heute bereits zum dritten Mal irgendwo rausfliegt, findet das Jugendamt für den schon gar keinen Platz mehr, obwohl ein Einrichtungswechsel viele Gründe haben kann. Doch aufgrund von Kapazitätsproblemen hat sich da etwas in der Jugendhilfe verändert. Und so werden teure Individuallösungen entwickelt: zum Beispiel zwei Securitykräfte plus Pädagogen und teilweise noch Pflegepersonal rund um die Uhr - da kommen manchmal vierstellige Beträge pro Tag zusammen. Für Kommunen entsteht dadurch ein enormer finanzieller Druck, wenn ein Kind eine halbe Million Euro im Jahr kostet.
Welche Möglichkeiten gibt es, diese Spirale zu durchbrechen?
Es gibt zwei Bereiche, in denen wir grundsätzlich schlecht aufgestellt sind. Der erste ist die regionale Vernetzung: Wenn ein Jugendamt in Nordrhein-Westfalen ein Kind in Garmisch-Partenkirchen unterbringt, ist das schwer zu kontrollieren. Bei der Jugendhilfe ist viel Geld im Spiel, und es gibt Einzelfälle, wo das ausgenutzt wird – bei denen Träger bewusst darauf setzen, Plätze nur mit Kindern aus anderen Bundesländern zu belegen. Das ist ein Problem. Wir brauchen vielmehr lokale Netzwerke mit spezialisierten Fachkräften. Berlin hat zum Beispiel eine Koordinierungsstelle eingerichtet, die mit dem Jugendamt Fälle gemeinsam moderiert, bis Ruhe eingekehrt ist. In Nordrhein-Westfalen ist Dortmund ein gutes Beispiel, wo man den vermeintlichen Problemfällen mit Netzwerken begegnet, in denen Träger und Jugendämter gemeinsam Lösungen suchen, moderiert von Leuten, die sich auskennen.
Das zweite Problem ist der enorme Zeitdruck. Wir brauchen daher eine Struktur, die uns verlässlich Zeit verschafft. Ich habe in meiner aktiven Jugendhilfe-Laufbahn in Niedersachsen eine Clearingstelle geleitet. Die Kinder blieben damals mindestens drei Monate bei uns. Das ist Zeit, um sich sorgfältig die Falldynamik und Fallhistorie anzuschauen und konkrete Empfehlungen zu erarbeiten. Das Jugendamt muss dann schauen, wer die Träger in der Region sind, die die nötige Flexibilität und Verlässlichkeit haben, um eine passende Maßnahme zu entwickeln. Mit solchen Verfahren können wir Maßnahmen mit ausufernden Kosten vermeiden.
Sie haben Dortmund mit der Koordinierungsstelle Systemsprenger als positives Beispiel erwähnt. Dort hilft ein Kriseninterventionsteam, wenn der Fall eines Jugendlichen eskaliert. Brauchen wir mehr davon?
Ja, ich halte das für eine gute Idee. Menschen, die in Deeskalation geschult sind und einen jungen Menschen in einer akuten Krise begleiten können, sind wertvoll. Denn wir verschenken Ressourcen, weil viele Kinder in Settings kommen, die nicht zu ihnen passen. Die Lernerfahrung der Jugendlichen ist dann: Jugendhilfe taucht auf, macht viel Wirbel – und ist irgendwann wieder vorbei. Das macht diesen Prozess der Systemsprengung aus. Wir frustrieren viele junge Menschen auf dem Weg in die Hilfen – und wir könnten es besser machen.
Die lokalen Inobhutnahmestellen sind konzipiert worden, um zum Beispiel Kinder zu schützen, die zu Hause Gewalt erlebt haben. Jetzt laufen die uns mit Jugendlichen voll, die in anderen Einrichtungen rausgeflogen sind. Darauf sind sie weder personell eingestellt, noch können sie die anderen Kinder angemessen schützen. In solchen Fällen wird oft die Kinder- und Jugendpsychiatrie gewählt, die aber auch nicht zuständig ist und zu Recht beklagt, dass sie zum Ausfüllbürgen der Jugendhilfe wird. Meine Erfahrung ist: Zuständigkeit abschieben klappt selten. Der Fall kommt als Bumerang zurück – und wird dann viel teurer. Wenn Jugendämter am Ende 3000 Euro pro Tag für ein Kind ausgeben, muss man fragen: Was hätte man mit diesem Geld anfangen können, wenn man drei Jahre vorher die richtigen Entscheidungen getroffen hätte?
Ließe sich das Dortmunder Modell landesweit etablieren?
Dortmund ist mit Mut und Investitionen vorangegangen. Der Stadtstaat Berlin hat eine ähnliche Koordinierungsstelle. Wenn man die Stellen dort auf Nordrhein-Westfalen hochrechnet, wären wir bei neun bis zehn Menschen, die man verteilen müsste. In großen Ballungsräumen wie Köln, Düsseldorf oder Dortmund ist eine Koordinierungsstelle vor Ort angebracht. Ein kleiner Landkreis kann keine eigene Koordinierungsstelle einrichten - in ländlichen Räumen müsste man bündeln. Ich sehe es als Aufgabe des Landes, auf Landesebene so ein Projekt zu etablieren und als Angebot für Jugendämter einzuführen. Berlin und Hamburg machen damit gute Erfahrungen. Jetzt sollte man schauen, wie man das NRW-weit ausrollen könnte.
Was passiert, wenn bei einem herausfordernden Fall weitere Behörden wie die Polizei hinzukommen?
Wenn zu viele Behörden dabei sind, entsteht oft ein Zuständigkeitspoker. Ich habe Fälle erlebt, wo das Innenministerium involviert war, das Landes- oder Bundeskriminalamt. Am Ende entscheidet dann oft niemand mehr, weil keiner den „Schwarzen Peter“ haben will. In letzter Konsequenz ist das Jugendamt immer in der Verantwortung – selbst wenn ein Jugendlicher inhaftiert wird. Wir müssen Fälle fachlich klar bewerten, und dann muss deutlich sein – wer trifft die Entscheidung? Das Wegducken bei kritischen Fällen führt uns in die Krisen. Verantwortung zu übernehmen, führt uns heraus.
Wie schätzen Sie den Fachkräftemangel in NRW ein?
Der Fachkräftemangel in der Jugendhilfe ist definitiv da, aber unterschiedlich verteilt. Wo es große Studienstandorte gibt, ist er etwas geringer ausgeprägt, weil viele Studierende in der Region bleiben. In ländlichen Regionen dagegen eskaliert die Lage bereits extrem. Unser großes Problem ist, dass Fachkräfte nach wenigen Jahren das Feld wechseln, weil Jugendhilfe extrem herausfordernd ist bei relativ schlechter Bezahlung. Arbeitsbedingungen und Konzepte des emotionalen Schutzes von Mitarbeitern müssen ausgebaut werden. Wer in einer Wohngruppe im Schichtdienst arbeitet, ist oft 60 Stunden außer Haus, weil Nachtdienste als Bereitschaftszeit gelten. Mit Familie ist das nicht attraktiv. Viele suchen sich irgendwann einen gemütlicheren oder besser bezahlten Job. Hier müssen wir gegensteuern. Darüber hinaus wird es immer schwieriger, Pflegefamilien zu finden, weil der Bedarf steigt und wenige Menschen bereit sind, eine solche Verantwortung zu übernehmen.
Wenn Sie die Jugendhilfe optimieren dürften – wo würden Sie anfangen?
Als erstes würde ich spezialisierte Moderationen einführen – mit Koordinierungsstellen. Zweitens brauchen wir eine ganz andere Qualifizierung innerhalb der Jugendhilfe, was Biografieverstehen und Diagnostik angeht. Wir entscheiden häufig nach der ersten Hypothese, die uns in den Sinn kommt – da sind wir schwach aufgestellt. Und drittens: Wir müssen in Prävention investieren, in frühes Erkennen, in Präsenz in den Stadtteilen und Eltern gezielt unterstützen, ohne sie zu stigmatisieren. Um ein Kind zu erziehen, brauche ich dieses sprichwörtliche „Dorf“, ein Netzwerk, das sich kümmert. Diese Netzwerke müssen wir in den Stadtteilen aufbauen. Wo das gelingt, sehen wir, dass es wirkt. Wo man spart, verschärfen sich Probleme.
Wo sehen Sie präventive Ansätze?
Je schlechter es Kindern geht, desto mehr Probleme haben wir. Statt sich über die Kriminalstatistik aufzuregen, sollten wir die Bedingungen für das Aufwachsen junger Menschen verändern. Alle Maßnahmen gegen Kinderarmut helfen. Die Eskalation auf dem Wohnungsmarkt trifft in erster Linie Familien. Durch Social Media leiden Kinder, weil sie in einem ungeschützten Raum unterwegs sind. Seit der Corona-Pandemie steigt die Bildungsungerechtigkeit wieder. Mehr Kinder brechen die Schule ab, ohne Basiskompetenzen erworben zu haben. Familiäre Gewalt nimmt zu. Die Folgen von allem werden wir in der Jugendhilfe in fünf bis sieben Jahren sehen.
Was helfen würde, sind eine Stärkung des offenen Ganztagsangebots und der Sozialarbeit in den Schulen und in den Kitas mit attraktiven Stellen. Und ich lerne zunehmend Eltern kennen, die früher Gewalt erlebt haben und ihr Kind nicht schlagen wollen, aber auch nicht wissen, was sie stattdessen tun können, weil sie keine Idee von positiver Erziehung haben. Hier hätte das Prinzip der Familienhebammen und frühen Hilfen großes präventives Potenzial.
Der Film „Systemsprenger“ hat das Thema 2019 einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Hat er die Wahrnehmung verändert?
Ja, ich denke schon – in zwei Richtungen. Er hat ein Bewusstsein und Verständnis für das Thema bei Menschen geschaffen, die nichts mit Jugendhilfe zu tun haben. Die Regisseurin Nora Fingscheidt hat es fantastisch hinbekommen, im Film eine neutrale Position einzunehmen und ohne Gut und Böse auszukommen. Sie zeigt, dass es trotz aller Bemühungen diesen Moment der Hilflosigkeit gibt. Man sympathisiert mit dem Mädchen, aber niemand wird zum Buhmann. Das hat zur Aufklärung beigetragen.
Leider hat der Film aber auch zu einer Banalisierung des Themas geführt. Kurz nach der Kinowelle war ich in einer Grundschule, wo der Schulleiter sagte: „Wir haben acht Systemsprenger in jeder Klasse.“ Jedes Kind, das einen Stuhl umschmeißt, ist plötzlich ein „Systemsprenger“. Nora Fingscheidt hatte den Film übrigens bewusst „Systemsprenger“ – in der Mehrzahl – genannt, weil der Film voller Systemsprenger ist. Diese Message ist leider nicht angekommen. Stattdessen werden wieder einzelne Kinder als „Systemsprenger“ bezeichnet – das ist keine gute Entwicklung. Dennoch ist es wichtig, dass es den Film gibt.
Wie sind Sie selbst zu diesem Forschungsthema gekommen?
Ich habe zuerst als Förderschullehrer mit Schülern gearbeitet, die in allen anderen Klassen niemand mehr haben wollte. Dann habe ich eine Stelle in der Jugendhilfe angefangen, bin auf das Phänomen der ständigen Wechsler gestoßen und habe mich gefragt, was wir besser machen können. Ich hatte dann parallel die Gelegenheit, an der Universität Oldenburg ein Forschungsprojekt in dem Bereich anzufangen. Daraus ist eine Habilitation geworden, ich habe zu dem Thema veröffentlicht – und dann kamen Jugendämter und sagten: „Du behauptest, du weißt was. Ich habe hier ein solches Kind, mach mal!“ Ich komme bis heute von dem Thema nicht los. Die jungen Menschen faszinieren mich nach wie vor – auch als Sachverständiger gehe ich auf die Straße, wenn ein Jugendlicher, um den es geht, dort unterwegs ist.
Gibt es ehemalige „vom System Gesprengte“, die ihren Weg gefunden haben?
Ja. Ich habe zum Beispiel ein Mädchen, das zuvor durch Security und Eins-zu-Eins-Betreuung begleitet wurde, in ein kleines Projekt aufgenommen. Die Gruppengröße haben wir schrittweise vergrößert. Sie war fünf Jahre bei uns und ist heute ausgebildete Altenpflegerin, lebt allein, nimmt noch ambulante Psychotherapie in Anspruch und kommt fantastisch klar. Bei einem anderen Ehemaligen, damals noch Schüler, war wirklich alles im Argen. Er hat sich inzwischen als Lagerist selbstständig gemacht. Junge Menschen können durch intensive, verlässliche Beziehungsarbeit neuen Mut fassen. Wenn es gelingt, ihre Energie in die richtige Richtung zu lenken, können sie ganz erstaunliche Dinge leisten.
Interview: Annette Kiehl, Martin Zehren
Prof. Menno Baumann forscht und lehrt seit 2015 an der Fliedner Fachhochschule in Düsseldorf als Professor für Intensivpädagogik und Soziale Arbeit mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe. Er hat als Förderschullehrer und in der Kinder- und Jugendhilfe gearbeitet.
Seit 2014 ist er als Sachverständiger für pädagogisch-psychologische Fragestellungen des Familienrechts und Gutachter in Unterbringungsverfahren tätig und betreibt ein eigenes Beratungsbüro. Für den Spielfilm „Systemsprenger“ hat er das Filmteam wissenschaftlich beraten.
Sie verwenden in Ihrer wissenschaftlichen Arbeit den Begriff „Systemsprenger“. Was bedeutet er?
Im Grunde genommen ist der Begriff falsch. Ich benutze ihn als Brückenbegriff, weil er in der Praxis etabliert ist. Und ich bin der Meinung, dass die Wissenschaft die Sprache sprechen muss, die auch in der Praxis gesprochen wird. Aber vollkommen klar ist: Das Problem liegt selten am Kind. „Systemsprenger“ ist keine Eigenschaft einer Person, sondern bezeichnet ein Prozessgeschehen: Wenn die Logik des Hilfesystems aus Jugendhilfe, Psychiatrie und Schule nicht mit der Eigenlogik des jungen Menschen zusammenpasst und wenn Hilfe einem Kind einfach nicht hilft, dann haben wir einen Prozess zwischen „Systemsprenger“ und „vom System Gesprengten“.
Vorreiter Dortmund
Dortmund ist mit Mut und Investitionen vorangegangen.
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