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Ein Begriff mit Sprengkraft

04.09.2026 Bindestrich Redaktion

Kategorie: Jugendhilfe

Schlagwort: Systemsprenger

Warum das Wort Systemsprenger umstritten ist ...

... und es dennoch einige Fachleute verwenden

„Kinder, die Systeme sprengen“ – so hieß 2010 das Buch des Erziehungswissenschaftlers Menno Baumann, in dem er erstmals seine Praxiserfahrungen und Forschungen zum Thema „Wenn Jugendliche und Erziehungshilfe aneinander scheitern“ publiziert hat. Baumann, damals Lehrkraft an der Universität Oldenburg und heute Professor für Intensivpädagogik an der Fliedner Fachhochschule in Düsseldorf, verwies mit dem Titel der Studie auf einen Begriff, den er immer wieder im Alltag der Jugendhilfe hörte: „Systemsprenger“. Und auch heute, rund 16 Jahre später, wird das Wort mal mehr, mal weniger offen genutzt, um Kinder und Jugendliche zu beschreiben, die herausforderndes Verhalten zeigen und – scheinbar – in kein Hilfesystem passen.

Im Grunde genommen sei der Begriff Systemsprenger aber falsch, sagt Baumann. „Ich benutze ihn als Brückenbegriff, weil er in der Praxis etabliert ist. Und ich bin der Meinung, dass die Wissenschaft die Sprache sprechen muss, die auch in der Praxis gesprochen wird.“ Ein Kind sei für ihn niemals ein Systemsprenger, vielmehr bezeichne das Wort „ein Prozessgeschehen“. Seine wissenschaftliche Definition lautet: „Hochrisiko-Klientel, welches sich in einer durch Brüche geprägten negativen Interaktionsspirale mit dem Hilfesystem, den Bildungsinstitutionen und der Gesellschaft befindet und diese durch als schwierig wahrgenommene Verhaltensweisen aktiv mitgestaltet.“ Der Spitzenverband der Wohlfahrtspflege „Der Paritätische NRW“ formuliert es so: „Der Zuschreibung eines jungen Menschen als Systemsprenger liegt weder eine medizinische noch eine pädagogische Diagnose zugrunde. Vielmehr führen Prozesse zwischen dem Hilfesystem, dem Bildungssystem, dem jungen Menschen und seiner Familie dazu, den jungen Menschen, irgendwann im Verlauf so zu bezeichnen.“

Als die Regisseurin Nora Fingscheidt 2014 einen Dokumentarfilm über ein Heim für wohnungslose Frauen in Stuttgart drehte, hörte sie zum ersten Mal „den inoffiziellen, aber in der Jugendhilfe gängigen Begriff Systemsprenger“. Die Bewohnerin, die an diesem Tag in das Heim einzog, war erst 14 Jahre alt. „Keine Institution der Jugendhilfe wollte sie mehr aufnehmen“, so die Filmemacherin. 2019 drehte Fingscheidt einen Spielfilm über das verhaltensauffällige Mädchen Benni und nannte ihn „Systemsprenger“. Von Menno Baumann ließ sie sich dabei wissenschaftlich beraten.

Durch den vielfach preisgekrönten Film wurde nicht nur das Phänomen der Kinder, die Systeme sprengen, einer breiten Öffentlichkeit bekannt, sondern eben auch das Wort aus dem Filmtitel. Mit zwiespältigen Folgen: „Jedes Kind, das einen Stuhl umschmeißt, ist plötzlich ein Systemsprenger“, bedauert Baumann. „Nora Fingscheidt hatte den Film übrigens bewusst Systemsprenger – in der Mehrzahl – genannt, weil der Film voller Systemsprenger ist. Diese Message ist leider nicht angekommen. Stattdessen werden wieder einzelne Kinder als Systemsprenger bezeichnet – das ist keine gute Entwicklung. Dennoch ist es wichtig, dass es den Film gibt“, so der Wissenschaftler.

Vor und nach Fingscheidts Spielfilm sind zahlreiche pädagogische Fachbücher und Podcasts mit dem Begriff „Systemsprenger“ im Titel erschienen. In Dortmund trägt die „Koordinierungsstelle für sogenannte Systemsprenger*innen“ das Wort im Namen. „Die jungen Menschen zeigen ein störend wahrgenommenes Verhalten, auf das das Hilfesystem oft mit Ohnmacht reagiert“, beschreibt deren Leiter Martin Caspary sein Verständnis des Begriffs: „Sie führen uns also die Grenzen des Systems vor Augen und sind gewissermaßen ein Seismograf: Was läuft gut und was läuft nicht gut in der Jugendhilfe?“

Die Bezeichnung ist dennoch umstritten. Viele Mitarbeitende von Jugendämtern und Einrichtungen der Jugendhilfe sprechen stattdessen von „herausforderndem Verhalten“, „eskalierten Fällen“ oder „komplexen Jugendhilfefällen“. Der Bochumer Professor für Sozialpädagogik Holger Wendelin findet den Begriff Systemsprenger ebenfalls problematisch, weil er junge Menschen stigmatisiere. „Wir geben den Kindern und Jugendlichen, wenn sie aus Jugendhilfe- oder Psychiatriekontexten erfolglos herauskommen, im Subtext mit: Du bist zu schwierig für uns“, sagt Wendelin. „Ich spreche lieber von schwer erreichbaren Jugendlichen, weil darin mitschwingt, dass wir uns bisher schwertun, ihnen passende Angebote zu machen.“ Wendelin räumt aber auch ein: „Einen ähnlich griffigen Ersatzbegriff gibt es leider nicht. Der Begriff Systemsprenger ist aber eher Teil des Problems als der Lösung.“

Die Fokusgruppe, die aus Expert:innen verschiedener Disziplinen besteht und beim LWL angesiedelt ist, will bei der Suche nach einem passenden Begriff mehr auf die Dynamiken zwischen jungen Menschen und Systemen verweisen. Sie schlägt daher „eskalierte Fälle“ vor. Diese Bezeichnung soll deutlich machen, dass es nicht um ein individuelles Scheitern geht.

Annette Kiehl, Martin Zehren